E i n l a d u n g   

z u m   M e d i t a t i o n s s e m i n a r

Ungezählte Zeit

Stunden die zählen

Werden nicht gezählt

Sie funkeln in erlebter Zeit

Wie ein  Kristall im Sonnenlicht

Des Morgens

Verweilen und dehnen sich

Verwandeln sich in Glück

Das zählt

Liebe Meditationsinteressierte,


vom 17. bis 19. Februar 2012 findet es das nächste Meditationsseminar in Bielefeld-Quelle statt,  im Tagungshaus Einschlingen, Schlingenstr. 65. Unser Thema ist auf diesem ersten Seminar  des neuen Jahres


 D i e   S u c h e   n a c h   G l ü c k  

Die Suche nach dem Glück liegt wohl hinter allem Bestreben des Menschen, auch wenn wir diese Suche gar nicht aktiv und bewusst betreiben. Dabei bleibt die inhaltliche Ausfüllung dessen, was Glück sein kann oder soll, unklar, verworren, unbestimmt. So bleiben wir oft auf der Suche nach etwas nur Unbestimmtem, doch sicher Geahnten, ... genau bei diesem Nebelhaften hängen und werden der Suche müde und dann unglücklich.

Die Techniken der Meditation können uns bei der Erfüllung dieses Wunsches nach Glück nicht direkt helfen, wohl aber unterstützen, die Hindernisse abzubauen, die uns vom Glück scheinbar oder tatsächlich trennen. Das Ziel aller Meditationswege bist Du selber und auch nur dort ist das Glück beheimatet und oft versteckt. So gilt es, es zu entdecken, zu enthüllen, den Deckel zu entfernen: in der Bewegung, im Atmen, im Berührtsein, in der Stille, im Gespräch, ... Es gibt also etwas  zu tun, packen wir es gemeinsam mit Neugier und Mut an. Dem Glück ist es egal, wie Du es erreichst, letztlich ist es eh ein Geschenk.

Wenn Du teilnehmen möchtest, solltest Du Deinen Beitrag zwischen € 160 (Normalpreis des Seminars) und € 110,- (Sonderpreis für Geringverdienende) auf das Konto der STÄTTE DER BEGEGNUNG  bei der Sparkasse Herford 250 001 773, BLZ 494 501 20 überweisen, Stichwort ist: Seminar  17. – 19. Januar 2012. Der Beitrag umfasst Unterkunft, Verpflegung mit vier Mahlzeiten sowie die Seminargebühren. Da die Plätze beschränkt sind, melde Dich bitte auch per mail an.

Wie in Bielefeld üblich bringe bitte Bettwäsche mit  (sonst Ausleihgebühr von 5,5o €), Handtücher, sowie lockere Kleidung zum  Bewegen; bringe auch gglfs. Dein Tagebuch oder ähnliches mit sowie festes Schuhwerk für das Spazierengehen im Teutoburger Wald, falls das Wetter es erlaubt.

Das Seminar beginnt am Freitag, 17. Februar 2012 mit dem Abendessen um 18.3o Uhr und wird am Sonntag nach dem Mittagessen um 13 Uhr mit der Abschlussrunde  enden. So kann eine Zugverbindung sicher ab 15.30 Uhr gebucht werden.

Ich wünsche Dir bis zum Beginn des Seminars eine gute, d.h. ruhige Vorbereitungszeit und natürlich eine stressfreie Anreise ohne Eis, Stau und Schnee.

So freue ich mich auf Dich, um mit Dir die Annäherung an das Glück zu üben.   

Dein

Wolfgang

 

 

 







Jahresbrief 2011 - 2012

Der aufrechte Gang

Voll Dank

Ermutigt den Mut

Zu schauen und zu spüren

Ermächtigt und fordert

Zum Nein

Zur Empörung

Aus entschlossenem Ja

Zur Liebe


 

Sei ganz herzlich gegrüßt,

Zeit ist Leben -  unsere Zeit ist unser Leben und so spiegelt sich unser Leben in der Zeit des ablaufenden Jahres. Gilt das Jahresmotto: Befreiung durch einstürzende Denkgebäude auch für uns?

Es begann mit der arabischen Jasmin-Revolution in Tunesien und setzte sich über Ägypten, Jordanien, Jemen, Bahrein und Libyen fort und dauert in Syrien blutig noch an. In der Angst vor ähnlichen Freiheitsbewegungen verbot China das Wort und die Jasminblüten.

Fast überall zerbröselten schnell die freundschaftlichen Beziehungen zu den arabischen Diktatoren. In Frankreich musste der Innenminister gehen, weil der Polizeieinheiten zum Schutz Ben Alis zwei Tage vor dessen Flucht anbot. Mubarak stürzte in Ägypten, ein Hoher Militärrat ersetzte seine Diktatur und will bis heute die Macht und seine vielen Privilegien nicht aus der Hand geben, sodass im November erneut auf dem legendären Tahrirplatz demonstriert und gestorben wurde. Die ersten Teilwahlen unter dieser Militärdiktatur fanden statt, wie  freiheitlich sie waren, bleibt offen. Tunesien scheint auf gutem Weg zu sein.

Einige Aspekte dieser Jasminrevolutionen blieben mir eindringlich im Bewusstsein: der unglaubliche Mut der jugendlichen Revolutionäre, die Ausdauer der Proteste und wie diszipliniert  etwa die Schüler in Tunis und Kairo ohne Anordnung jeden Tag die Plätze und Mauern säuberten und ihre Schulen vor staatlichen Provokateuren schützten. 

 

Wie schwer es westl. Regierungen fiel, Zukunftschancen in diesen Bewegungen  zu sehen – d.h. wie zäh sie sich an ihren ideologischen Denkgebäuden festhielten- , zeigte sich in der sehr zögerlichen Unterstützung: Moslems können nicht für Menschenrechte, Demokratie und Freiheit sein, fundamentalistische Bewegungen könnten siegen, unsere Sicherheit wäre bedroht. Peinlich spät sprang die dtsch Regierung auf den abgefahrenen Zug in Libyen auf.

 

„Wir sind das Volk“ hieß es 1989. Wie „Wutbürger“ gingen weltweit Bürger auf die Strassen, verbunden durch das Büchlein „Empört euch!“: „Occupy the Wallstreet“ oder „Wir sind die 99%“. Auch in Russland schluckten die Bürger Wahlfälschungen nicht länger und protestieren massiv gegen Putins Partei der „Diebe und Betrüger“. Beginn einer Demokratisierung?

 

Diese Bewegung ist in den USA auch eine Reaktion der Enttäuschung über den  hoffnungsvoll gestarteten Präsidenten, der Veränderungen versprach, aber damit im System der USA weitgehend scheiterte. Im Präsidentschaftswahlkampf sind bei den Republikanern nicht einmal drittklassige Bewerber zu finden. Hoffnung für Obama? für die Welt?

 

Weitere Ereignisse des Jahres möchte ich nur summarisch erwähnen: wochenlang beschäftigte die „Doktorarbeit“ eines Blenders die Öffentlichkeit, dem  „Täuschung als werkprägendes Arbeitsmuster“ bescheinigt wurde. Viele Menschen ließen (und die EU lässt) sich blenden und so taucht die Frage auf: welche Haltung steckt hinter dieser Bereitschaft, sich von einem Betrüger blenden zu lassen?  Sehnsucht nach einer „Führergestalt“?

Weiterhin gab es die Ermordung Osama Bin Ladens; der Sturz des Strauss-Kahn als ernstzunehmender franz. Präsidentschaftskandidat; den verdienten Sinkflug einer Partei auf inzwischen 3%; der Aufstieg der Piraten, der „Elite“ auf bislang Kindergartenniveau, doch mit Zukunftschancen; es gab den  längst notwendige Abgang Berlusconis; das worthülsenreich kaschierte Scheitern in Afghanistan und im Irak,; weiterhin gibt es keine Aussicht auf einen Frieden im Nahen Osten, Israel scheint am Frieden nicht interessiert zu sein; es gab den Sieg der Lobbyinteressen über den Klimaschutz, noch nie wurde so viel CO2 in die Luft geblasen und überdeutlich durch den Austritt Kanadas aus dem Kyoto-Protokoll, um die Profite der Ölschiefergeschäfte nicht zu gefährden; Hoffnungsvoll klingt die Öffnung der Militärdiktatur in Burma; schließlich: erschien mein dritter Gedichtband, es gab viele anregende Gespräche mit hortizontoffenen Schülern, ein Meditationsseminar mit life-Musik. Und der BVB wurde Deutsche Meister...

 

Die Krisen der internationalen Finanzmärkte waren auch 2011 Thema. Sie wurden zu Staatsschuldenkrisen und dies Karussell dreht sich immer schneller: Banken sind „too big to fail“, müssen vom Staat gerettet werden, der sich deshalb verschulden muss und durch die Schulden noch mehr in die Abhängigkeit der anonymen Finanzmärkte gerät, wo weiter gezockt wird. Tatsächlich scheint das Problem der Staatsschulden nicht wirklich so drückend zu sein – Großbritannien widersetzt sich jeder Schuldenbremse- , so wird eine Finanztransaktionssteuer von nur o,5%  abgelehnt (die Steuern auf Sparkonten betragen 25%), sie würde den Staaten in einem Jahr Hunderte Milliarden (!) Euro einbringen,

 

Mir scheint die Fokussierung allein auf die Schulden zu eng zu sein, denn Verschuldung gibt es nicht an sich, sondern immer nur mit der anderen Seite, die Gewinne macht; so verursachte Deutschland als langer Exportweltmeister die Verschuldung  anderer Länder und verhinderte eine Balance durch fehlende Importe. Das Entscheidende ist die  Gesamtverschuldung der Länder und die hat mit dem Außenhandel zu tun. Deutschland hat die Überschüsse im Außenhandel auch durch massiven Druck auf die Löhne erreicht und gilt inzwischen als Billiglohnland, die Verweigerung eines flächendeckenden Mindestlohnes gehört in diese neoliberale Marktideologie wie auch die strikte Ablehnung der Regulierung der Finanzmärkte. Druck der Interessensverbände?

Das medienwirksame Reden über die  „Schuldenkrise“ streut Sand in die Augen, denn ein Staat kann nicht wie ein privater Haushalt sparen. Die Steuereinnahmen sinken, wenn er durch Ausgabenkürzung spart.  Das Zurückfahren der Schulden geht nur mit  wirtschaftlichem  Wachstum. Der Druck gegenüber Griechenland, Spanien, Portugal, etc durch EU und IWF verhindert jeden Ansatz zum Wachstum. Druck ist Gewalt. Das zeigt, wie sehr unsere Wirtschaftsordnung eine gewalttätige ist.

Rettungsschirme sollen weniger die Länder als vielmehr die Banken mit ihren komplexen Finanzsystemen retten, die ihre eigenen Systeme nicht mehr durchschauen. Zusätzlich zur Komplexität sind sie global vernetzt. Solche  Systeme sind extrem katastrophenanfällig, was Katastrophenforscher schon lange festgestellt haben.

Das zeigt sich an anderer Stelle noch deutlicher. Nirgendwo wurden im letzten Jahr die Reichen reicher und die Armen ärmer als in Deutschland; makabre Folge: die Geringverdienenden sterben hier um drei Jahre früher als die Gutverdienenden. Sind das nur erträgliche Kolateralschäden? Darin zeigt sich auch ein bestimmtes Menschenbild.

 

Das Problem weist auf ein Dilemma: staatliches politisches Handeln geschieht demokratisch legitimiert aufgrund nationaler (und wahltaktischer) Interessen; die Finanzmärkte sind global und letztlich unfassbar. Politik ist interessengeleitetes Tun, dabei setzen sich die Interessen durch, die den größten Einfluss haben. Im Kapitalismus ist es das Kapital, also die Finanzmärkte. Erst dann kommen die Interessen der ratlosen und überforderten Wähler.

 Nach Hegel siegen im Konflikt zwischen Ideen und Interessen stets die Interessen. Interessen werden in Bedeutungen deutlich. Nichts hat Bedeutung, sondern Bedeutung hängt vom Kontext ab. Je kleiner dessen Rahmen ist, je enger ist mein Weltbild und der Sinn, dem ich meinem Leben gebe, ob ich mich empöre, mich engagiere oder als Untertan die Gartenzwerge pflege. So sollte ich mich fragen: was bekommt durch mich Bedeutung?  Wie klein oder weit ist mein Horizont? aus welchem Kontext denke und handle ich? Global?

 
Verloren  in blinder Hoffnung

Auf den Gewinn

Ahnen wir vage einen anderen Sinn

Wenn es still wird

Im Denken

 

Doch es wird nicht still im Denken und so wird ein größerer Kontext nicht erwogen. In den auftauchenden Neonationalismen wird sich sogar Europa fremd, nationalegoistische Ziele bekommen Vorrang. Nicht nur in Bezug auf das Klima reicht ein Minikontext nicht aus.
 
Die Verkündung: „Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen“ ist dumm und arrogant. Zu dieser Mischung aus Unterstellungen, Missgunst und nationalistischer Besserwisserei besteht kein Grund. Die Wirklichkeit Deutschlands ist kein Vorbild: ein riesiger Schuldenberg, relativ betrachtet noch höher als der spanische,  die schlechten Bildungschancen nicht nur für Migrantenkinder, 60 000 Schüler verlassen ohne jeden Abschluss die strukturell kranken Schulen, überfüllte Universitäten, baufällige Hörsäle, unzureichende Kinderbetreuung, geringe Erwerbstätigkeit von Frauen, Fachkräftemangel, Lehrermangel,  ... Soll an diesem deutschen Wesen die Welt genesen? „Den anderen geht es noch schlechter“, ist kein Trost. Die Idee eines geeinten Europa als Lehre aus der Geschichte wird zuschanden.

 So nachvollziehbar Sparen klingt, die Sparpolitik Brünings hat das Ende der Weimarer Republik eingeleitet und dem Faschismus den Weg gebahnt. Auch heute ist faschistisches Denken nicht ausgestorben wie die rechten Terroranschläge in Deutschland, Florenz, Oslo, ... beweisen. Das blinde Auge gegenüber rechtem Terror  hat eine lange Tradition, denn  das Interesse der Politik gilt selten dem Schutz von Obdachlosen oder Migranten, sondern ihrer angeblichen Unwilligkeit zur Integration. Dem wird mediengerecht Bedeutung gegeben, nicht der Würde des Menschen. In Art.1 der UN-Menschenrechtsdeklaration heißt es:


 „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Volle 13 Jahren wollten die Sicherheitsbehörden vom rechten Terror nichts bemerkt haben, obwohl sich ihre blutige Spur quer durchs Land zog -mit mindestens zehn Morden, über ein Dutzend Banküberfälle; Waffendiebstähle. Es wird endlich deutlich, dass die rechte Gefahr  ignoriert wurde, trotz der 182 Todesopfer seit 1990 und Tausender verletzter Menschen, trotz der Bombenanschläge,  den Ausschreitungen in Rostock und Hoyerswerda, von Mölln, Solingen, der Schändungen von Friedhöfen. Die explosive Mischung aus Männlichkeitskult, Minderwertigkeitsgefühl und verquarstem Geschichtsverständnis beginnt als Bild vom Menschen im Kopf. Dort herrscht Angst vor der Vielfalt, vor Freiheit und Zukunft.

 Der rechtsradikale Mörder, der in Oslo und Ütoya  78 Menschen, davon 69 Jugendliche ermordete, fühlte sich als Vollstrecker des „Volkswillens“  und das zeigt, welche Folge fremdenfeindliche Parolen an diversen Biertischen haben und wenn sie noch gefördert werden durch Biedermänner wie Sarrazin in Deutschland, Le Pen in Frankreich. In Norwegen lautet die Antwort, die auch gegenüber dem internationalen Terrorismus angemessen wäre  "Wir bleiben ein offenes, ein demokratisches Land."  Ursachen und Wirkungen dürfen nicht verwechselt werden.

 

Die zynischen Äußerungen des brit.  Premierministers zu den Unruhen in Großbritannien zeigten diese Verwechslung. Er sprach von  „mangelnder Moral der Jugend“ und ihrer „Kultur der Faulheit“. Man dürfe keine Geduld mehr haben. Die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen erwähnte er mit keinem Wort. Vielleicht sind es ja die Ausgegrenzten, die keine Geduld mehr haben, die ihre Lage nicht mehr dulden. Im nicht nachvollziehbarem Umgang mit Milliarden oder Billionen Dollar oder Euro durch Politiker und Banker muss die Frage erlaubt sein: Wer gehört zu denjenigen, die verrückt sind? Ist es die Gesellschaft oder sind es die Jugendlichen, die da randalieren.

 

Ein weiteres Denkgebäude stürzte ein, als ein  Erdbeben am  11. März 2011 in Japan einen Tsunami auslöste und im Atomkraftwerk Fukushima der GAU eintrat: die Atomkraft ist selbst im hochindustrialisierten Japan nicht beherrschbar, denn wie hieß es schon in der Finanzkrise: Systeme mit enger Verkoppelung und hoher Komplexität sind katastrophenanfällig. Das gilt auch für die Gentechnologie. Derweil geht die Kernschmelze weiter  -auch wohl in Tschernobyl- , erst für 2012 wird gehofft, den jap. GAU  „in den Griff“  zu bekommen. Im Umkreis von 2o km bleibt das Land für Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte unbewohnbar.

Angesichts dieser Katastrophe schwenkte überraschend  die Bundesregierung  zwei Wochen vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg (die verlustig zu gehen drohten und verloren gingen) auf einen Anti-Atomkurs ein, es entwickelte sich durch ständiges Nachfragen eine Eigendynamik, die im Sommer zum Ausstieg führte.

 „Die Wirtschaft kann nicht ohne AKWs überleben“, erklärten daraufhin verschiedene  Wirtschaftsmanager. Das wirft logisch zwingend die Gegenfrage auf, ob wir uns so eine Wirtschaft noch leisten können; diese Art Wirtschaft, die dazu noch auf Wachstum setzt, obwohl endloses Wachstum auf beschränktem Raum nicht möglich ist. In diesem Kontext ist eher eine Wirtschaftsordnung ohne Wachstum gefragt. Die Restaurierungsarbeiter am neoliberalen Denkgebäude schauen am Problem vorbei, solange sie das marode Fundament dieses Denkgebäudes ignorieren.

 

In einem Knastseminar fragte ich, an welcher Stelle die Kriminalität begonnen habe. „Wir sind von Anfang an kriminell, wenn wir den anderen als Fremden ansehen, wenn wir kein Mitgefühl entwickeln, wenn wir zu kurz denken“, war die überraschende Antwort nach langen Überlegungen. Das ist zu verallgemeinern. Die noch nicht justiziable Kriminalität und Gewalt beginnt im Kopf: in der Duldung von verachtenden Äußerungen, durch Demütigungen, durch „Witze“, die schweigend hingenommen werden, über die zunächst verdeckt gelacht wird, dann laut. Ein nächster Schritt ist Fremdenfeindlichkeit und Hass auf andere, vor allem Schwächere.

 

Wir kennen das menschliche Equipment für Mitgefühl: Spiegelneuronen, das Gebot der Nächstenliebe, Liebesfähigkeit, Geist ... Herrschenden war dies stets gefährlich, sie antworteten angstvoll: die Kirche mit Lehren von Sünde und Hölle, die Politik mit Druck auf die Arbeitslosen, Druck auf den Iran, Druck auf Griechenland, Druck auf Schüler, .... welche Arroganz! Welch ein Menschen- und Politikbild steckt dahinter? Druck ist stets Gewalt und führt zur verstärkten Gewalt, denn Druck erzeugt Gegendruck –auch psychologisch.

Hobbes hat nicht Recht mit dem “der Mensch ist des Menschen Wolf“ wie uns die Hirnforschung zeigt. „Liebe, Anerkennung“ ist die eine Erlebenssäule des Menschen schon im Mutterleib;  „wachsen, sich entfalten“ die zweite. Wenn wir diese Grundbedürfnisse vernachlässigen, säen wir Samen, die keimend  dann Gewalt und Kriminalität ermöglichen.

 Der Sinn der Zeit und der des Lebens liegt im Herzen des Betrachters und bedeutet, dass es etwas in uns gibt, das wert ist, entwickelt zu werden. Das kann in jeder Begegnung geübt werden kann, da zählt das mitempfundene Leid, die mitempfundene Freude, die Schönheit durch Differenzierung.  Eine Hilfe ist dazu ist die zu er-gehende Frage: kann ich mich freigeben, um berührbar sein?  was berührt mich ? was bewegt mich ?

 

Namen entschwanden

Mit ihnen die Fesseln und Grenzen

Am Ende verschwand auch die letzte

Zurück blieb nicht ich

Nur ein offenes Sein



 
Im Berührt-Sein wurde mir 2011 klar, dass es in der Meditation nicht reicht, nur zu beobachten: seinen Atem , seine Gedanken, seine Gefühle, das Flüsterns der Blätter, es darf weitergehen: der Atem zu sein, die Gedanken zu sein, die Trauer zu sein. Dieses Berührungs-Wissen traf mich unerwartet und wirkmächtig in völliger Stille an einem Grab bei Chambéry; aus dieser Leerheitserfahrung lebe ich, wenn ´ich` die Worte der Gedichte schreibend berühre. Nicht-Erleben, Nicht-Berühren ist Konzept, ist Leben aus zweiter Hand, sich spüren  –und zwar sich in Verbundenheit mit anderen zu spüren und zu erleben-  ist Leben. Nicht der ist ein guter Schauspieler, der Hamlet spielt, sondern der, der Hamlet ist. Sein statt Haben.

Verbunden mit den anderen

Bin ich

Einzigartig  spürbar liebend geliebt

Durch vielfältige Bedingungen

Steten Wandels

Die mich schaffen als den

Der ich grenzenlos bin


 

Im Film PICCO  werden die Folgen des Fehlens von Verbundenheit grauenhaft deutlich. Er schildert Ereignissen in der JVA Siegburg, als dort ein Jugendlicher in den Selbstmord getrieben wurde. Erschreckend war, wie jeder scheinbar unbedeutende Schritt -ungewollt und ungezielt-  am Ende zum Mord führte.

Die Zerstörung des Menschen beginnt früh –als „Spaß“, teils verbunden mit Gruppendruck, mit Gerüchten, als vermeintliches Wissen über den anderen, es folgen Urteile, dann Verurteilungen, Abgrenzungen, Ausgrenzungen, Feindbilder. Dahinter versteckt sich die Angst vor den eigenen Problemen, die Angst vor der Vielheit und Komplexität des Lebens, die Zweifel, die Sehnsucht gesehen zu werden. Jeder möchte geliebt werden, doch wann lernen wir, uns selber zu lieben, uns im Dank und im Wort selber zu fühlen. Wer erfühlt das schon? 

Einsam sein

In der zerrütteten Seele

Und es nicht fühlen

Überlebt niemand

Auf Dauer



Im Einklang mit mir und der Welt  berührt sie mich, lasse ich mich berühren, wird sie zum Spiegel meiner selbst, werde ich Liebender, bin ich hier und auf dem Tahrirplatz, im Himmel und auf Erden.

Wo sich das Klingen des Alls

Mit dem Klang deiner Seele

Vereint

Ertönt das Lied  deines neuen Morgens

Stephanie Krenn

 

In gurugestützter Selbstgerechtigkeit ertönt kein Lied der Verbundenheit. Die zweifelfreie Selbstgerechtigkeit eines Systems  -dessen Ausdruck wir oft sind-  beruht auf Abgrenzung, sie durchdringt unsere Gesellschaft als Krebsgeschwür mit kriminellen Folgen. Empört denke ich an die Situation von Lehrern und Jugendlichen, die neben den Eltern die ersten Opfer sind: wo lernen wir in dieser Struktur Mitgefühl? Selbstverantwortung? haben Eltern/ Lehrer/ Vorgesetze dafür ein Gespür? Gespür für Ungerechtigkeit? für Mobbing, für mögliche Überforderung, burn-outs? denken sie nicht oft:  „ich spüre da gar keinen Mangel“  „ich spüre da keine Enge“ „ich spüre da keine Not“.  In der Fragenlosigkeit zeigt sich eine Form der Gewalt, die nach innen gerichtet ist: In der Konkurrenzgesellschaft wird sie zur Selbstausbeutung, die  in die Depression, gar zur Selbstzerstörung führen kann. Das Projekt „Engagement“ wird so zum Projektil.
 

Wer nicht einmal sich selbst spürt, wie kann der die Not der anderen spüren? Gewalt entsteht in der Deutung der Realität als Spaltung von Subjekt und Objekt, aus der Konkurrenz und Angst wachsen. Gewiss verunsichert die Aufhebung der Spaltung und die Erfahrung der Einheit; sie kann Angst auslösen. Ich integrierte sie in Paris und Aix im Staunen, wenn ich sie für Momente erlebte. Das schulde ich dem Grab-Erleben: sich in einem offenen Geist in voller Bewusstheit berühren zu lassen, jenseits der Dualität, das lässt uns wachsen und Freiheit gewinnen .

Distanzlos schauen

Verwandelt  Worte wie Bäume

In spiegelndes Fragen

 

Mitgefühl hat mit Grenzüberschreitung zu tun, keineswegs mit Entgrenzung. Entgrenzung  wird zur Rücksichtslosigkeit und verhindert Verantwortung zu übernehmen. Sie ignoriert die vielfältige Eingebundenheit und gegenseitige Abhängigkeit . Die Entfaltung von Mitgefühl als Teil des inneren Wachsens ist nicht möglich, da der andere als mitfühlender Mensch dort gar nicht vorkommt.

Der Zusammenhang von Freiheit und Wachsen war 2011 ein großes Thema für mich. Bislang ahne ich nur, das  Wachsen, verbunden mit Vergänglichkeit und Wandel kein beliebiges oder zufälliges Geschehen ist, sondern es auf die Erweiterung von Freiheit zielt. Leben ist ein Experiment  „Freiheit“.  „Handle stets so, dass die Zahl der Möglichkeiten größer wird.“ zielt auf weitere Freiheit, auch Freiheit von Konzepten - wie erspürte Lyrik und alle Kunst und alle gelebte Religion –als der „größere, letztlich offene Raum“.

Dabei merkte ich, dass meine Gedichte in einem Dilemma stecken: sie beschreiben verdichtete Wirklichkeiten; gleichzeitig sollen sie die Wirklichkeitserfahrung des Lesers erweitern. Abschiede, durchlebte Trauer und gelassene Tränen drücken  menschliche Wirklichkeiten aus, in der Großen Stille machen sie nicht eng. So ist der dritte Gedichtband ein Lebensbuch geworden -und gleichzeitig eine Herausforderung und Aufgabe: sich fühlen im Klang und im Wort und darin den Samen von Verbundenheit und Weite mutig keimen lassen.

 

Die eigene Endlichkeit

Feiern

Angemessen und leichten Herzens

Jeden Tag neu

Denn alles Entstandene vergeht

Unausweichlich

Luftsprünge machen

Für das Gelungene

Für das Gescheiterte

Knallfrösche zünden

Über das Unvollendete unbändig Lachen

Es ist das Meiste 

Der Sterblichkeit danken

Sie setzt Punkte

Sterben wartet nicht

Auf den gekonnten Abschluss


 

Um die Tiefe des Lebens zu wissen, heißt um grundlegendes Gutsein zu wissen. Da sind einstürzende Denkgebäude willkommen, denn sie können das Leben wieder ins Fliessen bringen, hinein in die offene Weite. Denn -als Koan: alles Offene ist heilig. Das immer neu zu erleben ist ein Grund zum Feiern. Wenn dies nicht zu feiern wäre, was gäbe es sonst? Vielleicht sollten wir dann lieber Gartenzwerge pflegen.

Dir wünsche ich das neue Jahr als Zeit, die voller Leben ist, mit viel Staunen und Dank; und lache beherzt über das Viele, das auch im nächsten Jahr unvollendet bleiben wird ! 

Dir alles Liebe
 
Dein  Wolfgang

Nachtrag zum Gedenken und Dank u.a. an Amy Winehouse, an  Loriot, an Christa Wolf, Georg Kreisler, Franz-Josef Degenhardt und andere , die gegangen sind  :



 

Auferstehen

Die Ferne ist nah

Und die Verlockung groß

Die Äpfel schmecken nicht bitter

Vom Baum der Erkenntnis

Das kommt erst später

Wenn Wissen zur Wahrheit gerinnt

Was wahr ist streut nicht Sand in die Augen

Was wahr ist schafft nicht die Zeit, es macht sie weit

Bis sie ganz weit ist und sehr offen

Was wahr ist rückt den Stein von deinem Grab

Und du kannst aufersteh´n

Die andren Früchte ganz zu kosten


 

Cannes, 15.Mai 2011



 


 


 


 



 


 

Einzig




 



Worte fallen

Zuweilen in tiefe Brunnen

Oder unter die Räuber

Folgenschwer

Gehen verloren auf dem Weg ins Ohr

Verwehen in schneller Eile

Werden verworfen

Später kehren einige heim

Andersfarbig

Fremd

Lassen erstaunen

Worte sind einzigartig

Wie der

Der sie spricht


 



Apt, 2o. Mai 2011


  

 

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Gedichte  ________________________________________

Was mich berührt

 

Was mich berührt

Sind weniger Fassaden

Auch nicht

Was hinter den Gesichtern brodelt

 

Was mich berührt

Sind nicht die schön gesproch´nen Worte

Die Kunst fürs Aug und Ohr

Ist nicht das Leid

Die Trauer oder Lust

Was mich berührt

Im Tiefsten

 

Was mich berührt

Ist etwas Grenzenloses

Fernes und ganz nah

Ein Nichtgesagtes

Kaum Geahntes

Das hinter den Fassaden

Lebt und ruht und schafft

 

Ist eines

Das der Kunst bedarf

Des Wortes und der Stille

Der Trauer und des Leids

Der Freude

 

Was mich berührt

Ist eines

Das uns gemeinsam ist

Ganz ohne Wort

Aus dem wir alle schöpfen

WB

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Blicke

 

Irrlichternde Blicke

Erobern

Dinge

Ohne zu sehen

Menschen Bäume spielende Kinder

Kennen das Verweilen nicht

Und nicht die Nähe

Gehen in den Dingen verloren

Langsam schauen und die

Dinge freundlich einladen

Für Augenblicke

Lässt die Dinge

Wahrwerden

Und mich


WB