Was ist und was will Integrale Meditation ?
Meditation wird oft
missverstanden und ist somit auch nicht vor Missbrauch geschützt. Sie kann
unter dem Blickwinkel der Meditationstechnik verstanden werden oder unter dem
des Inhaltes. Die Beschränkung auf die Technik verfehlt das, worum es in der
Meditation geht und verkommt zur Dogmatik; die verschiedenen Techniken
sind kein Selbstzweck. Meditation hat mit "Esoterik"
sowenig zu tun wie mit "wellness". Sie will vor allem Freiheit.
Sie
will
dem Leben auf den Grund gehen, damit die eigene Lebenshaltung
klären, um Glück
im eigenen Lebensentwurf zu ermöglichen. Meditation ist vor
allem eine
Praxis des nüchternen Augenblicks, um in uns die
Fähigkeit zur Andacht entfalten zu können als einer Kultur der Präsenz
für Größeres in uns.
Für mich ist Meditation ein fortschreitender Prozess der Selbsterkenntnis, der nur
sprachlich in Stufen erfolgt. Wenn ich hier fünf Stufen beschreibe, dann dient
das nur dem
leichteren Verständnis, es ist eine
Wegbeschreibung, in der ich auf Schleifen,
Rückgriffe auf vorherige Stufen etc. verzichte. In der Meditation
gibt es kein
zu erreichendes Ziel wie bei einem Marathonlauf. Meditation ist
paradox, denn
wir sind beim Start schon am Ziel, denn nicht der Weg ist das Ziel,
sondern das Gehen. Meditation ist ein lebendiger Prozeß.
Ich beobachte meinen Geist, mein Denken
In
aller Meditation geht es um die menschliche Grundfrage „wer bin ich?“ Da das
„Ich“ nicht unmittelbar beobachtet werden kann, bin ich auf die Reaktionen
angewiesen mit denen ich auf Herausforderungen, Wünsche, Ängste, ... reagiere.
Diese Reaktionen sind oft körperlicher Art und machen sich dort durch
Verspannungen, Stress, Kurzatmigkeit, ... bemerkbar. Sehr schnell merke ich, dass die Beobachtung gar nicht so einfach
ist, denn der Geist irrt immer wieder
ab, springt wie ein „wilder Affe“ in den Bäumen herum. Anstatt Stille herrscht
Aufruhr im Geist. Ständig bewerte ich
mich und andere.
Ursache
dieses unkontrollierten Denkens ist die Reaktion auf innere Spannungen, die
wiederum von unserem bisherigen Erleben von Aggressivität, Ängsten, Verlusten,
Unsicherheiten, Misserfolgen Traumata, ... herrühren, die im Gedächtnis
gespeichert sind.
Das
Denken zu verdrängen hilft nicht -Druck
erzeugt Gegendruck- , es zu ersetzen wäre Regression ins kindisch-naive.
Deshalb geht es nur um die neugierige, nicht-wertende Beobachtung – nicht die
Kontrolle !- der Gedanken, der auftretenden Gefühle und der Reaktionen darauf. Das ist ein aufregendes Abenteuer.
Mit
viel Disziplin gelingt es –zunächst nur für einige Momente- in den Reaktionen bestimmte Muster zu
entdecken, denen ich folge und die mein Denken und Handeln ausmachen, ich
entdecke, welche Macht Projektionen, Bewertungen, Vergleiche, Vergangenheit und
Zukunft über mich haben und wie sie die Gegenwart verzerren; schnell mache ich
mich zum Maß aller Dinge ohne es im allgemeinen zu bemerken.
Im
ersten Zugriff scheitere ich scheinbar meinen Geist zu beobachten oder bin
geschockt über die Erkenntnis der unsteten Natur meines Geistes. Es entsteht
der Wunsch ihn zu beruhigen und ich werde bescheidener und bin damit schon auf
der nächsten Stufe der Meditation angelangt: wie bin ich?
Ich bin hier und jetzt
Nur
in der Gegenwart handle ich und fühle ich, wie ich bin. Deshalb ist es das
Anliegen der Meditation immer mehr in der Gegenwart anzukommen. Meist schleppen
wir die Vergangenheit mit uns herum mit allen Lasten und Freuden und lassen uns
dadurch beeinflussen; oft träumen wir von einer schönen oder bedrohlichen
Zukunft, lassen uns leiten von Urteilen und Vorurteilen. Doch Leben findet nur
jetzt und hier statt. Das Leben ist in jedem Atemzug vollständig hier. So wird
aus der Meditation ein Achtsamkeitstraining: was geschieht in mir, was
geschieht außerhalb von mir, welche Beziehungen bestehen zwischen “außen“ und „innen“?
Nehme
ich immer mehr und öfter bewusst wahr, was hier und jetzt gerade geschieht –in
mir und um mich herum-, kann die nächste Stufe der Meditation uns sehr
ernüchtern, vielleicht gar ängstigen. Doch die übliche und erlernte Flucht oder
Ignoranz nützt nichts. Alles ist mit allem verbunden, die Trennung in
„ich“ und „die“ wird als Konstrukt erkannt.
Ich bin ein Netz von Beziehungen auf vielen unterschiedlichen Ebenen, die
miteinander verwobenen sind und gegenseitig Einfuß nehmen. Ich bin aufgehoben und aufgefangen, verbunden mit
anderen, freilich auch mitverantwortlich. Ich spüre mein Lebendig-sein in jedem
Atemzug, in jedem Herzschlag, bei jedem Schritt. Ich bemerke die
Wirklichkeit um mich herum in ihrer
ungeheueren Vielfalt und Buntheit, nehme mein Eingebettet-sein wahr. Ein Hauch
von bislang ungeahnter Freiheit macht sich in mir breit.
Schaue
ich noch genauer, dann entdecke ich auch den steten Wandel allen Seins,
entdecke, Leben ist nichts Statisches, sondern vollzieht sich in dynamischen
Prozessen und unversehens bin auf der nächsten Stufe der Meditation angelangt:
Ich schaue die Vergänglichkeit
Die
Vergänglichkeit aller Dinge und Erscheinungen gehört zur Grunderfahrung des
Lebens. Diese Erfahrung kann ängstigen. Doch nicht nur das Schöne und Ersehnte
vergeht, die Macht und der Reichtum, auch die Belastungen und Ängste vergehen,
manchmal schnell, manchmal werden wir auf eine harte Geduldsprobe gestellt,
dies vor allem, wenn wir immer noch am Vergänglichen festhalten wollen –etwa im
Krankheitsgewinn. „Verweile doch, du bist so schön.“ heißt es als teuflische
Verlockung in Goethes Faust. Das Leben gleicht einem Fluss, in den niemand
zweimal steigen kann. Die Zeit wird zum Leben.
Auch
der unvermeidliche Tod gehört zum Leben und er macht es wertvoll und die Zeit
unseres Lebens so kostbar. Er ist Teil des Lebens von Anfang an. Ihn zu ignorieren ist fahrlässig.
Es
gibt die erhoffte Sicherheit nicht. Beginne ich dies zu akzeptieren, dann spüre
ich das, was ich schon immer ersehnt habe: eine größere Freiheit und den
größeren psychischen Raum, in dem ich lebe. In diesem Prozess der Befreiung
durchschaut das Bewusstsein seine eigenen Muster nach denen es sich selbst –aus
Angst- konstruiert und kann dann loslassen. Nach und nach lerne ich abschiedlich zu
leben.
Ich löse mich von aller Gier
Wenn alles vergeht und es wenig Sinn macht, etwas
festhalten zu wollen, was nicht festzuhalten ist, dann kann ich mich lösen. Mit Gier ist hier nicht nur materielle
Gier gemeint, sondern sehr umfassend alles, was uns die „Haben-Unkultur“
tagtäglich anpreist. Wir definieren uns oft über das „Haben“ und nicht über das
„Sein“. Der Meditation geht es aber um das Sein: „wer bin ich?“ war die
unbeantwortbare Grundfrage, die dennoch gestellt werden sollte.
Nur
eine andere Form der Gier ist das Begehren „es möge jetzt und hier anders
sein“ und „der andere ist aber schuld“.
Wir beherrschen nicht die Dinge und Gefühle, sondern meist beherrschen sie uns und
solange sind wir abhängige und unfreie Menschen. Das gilt auch für unsere
Bilder, die wir uns machen und die uns beherrschen: von der Welt, der Natur,
dem Menschen, in der Politik, von Gott, ... Verunsichern mich die brechenden
Bilder zu sehr, dann suche ich Sicherheit im Fundamentalismus – und verliere
noch mehr Freiheit.
Sich
von der Gier zu lösen heißt nicht, zum Asketen zu werden, es geht um die
Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse. Herrsche ich über mich oder werde ich
beherrscht. So gehört auch die emotionale Abhängigkeit zu dieser Gier.
Lieben
heißt nicht, sich abhängig vom Geliebten zu machen. Anhaften und abhängig sein
sind die Fesseln, die unsere Freiheit verhindern. Nichtanhaftung bedeutet, sich
nicht darüber zu ärgern, was nicht da ist, sondern sich an dem zu erfreuen und
es zu schätzen, was gegenwärtig ist – denn das ist der Ansatzpunkt es ggfls. auch zu
verändern.
Meditation
lehrt uns die Verantwortung für sich hier und jetzt zu übernehmen.
Auf
dieser Stufe erweitere ich meine Selbstverantwortung und meine Freiheit noch
einmal. Je mehr ich mich von den verschiedenen Formen der Gier löse, beginnt
Glück als gegenwärtiges Lebendigsein aufzuleuchten. Glück überschreitet die
Grenzen der Selbstisolierung und läd zur Teilhabe ein: meine Freiheit ist die
der anderen, mein Glück ist das Glück der anderen und ich möchte es mit anderen teilen, sonst ist es kein Glück. Das führt zur letzten Stufe der Meditation:
Liebe
Ich bin Liebe und bin in der Liebe
Beobachte
ich die Arbeitsweise meines Geistes, lebe ich mehr und mehr in der Gegenwart,
begreife, dass Leben Vergänglichkeit bedeutet und löse ich mich von dem gierigen
Verhalten, dann erfahre ich, worauf die Meditation zielt: meine unbedingte
Liebe zu allen Wesen. Ich erkenne mich im anderen.
Das
„Ich“ verschwindet nicht oder löst sich
auf, aber seine einseitige Dominanz lässt nach. Die gewohnte Dualität wird überstiegen,
die schon aufleuchtete, als ich „am Startplatz“ meinen Geist beobachtete, doch
konnte ich dort damit noch nichts anfangen. Meditation gründet auf
Erfahrungslernen, deshalb gibt es keine Abkürzungen.
Wenn
ich diese fünf Stadien durchlebt, manchmal auch durchlitten habe, scheint sich
der Kreis geschlossen zu haben: ich bin wieder da, wo ich startete. Das Bild
vom Kreis täuscht, angemessener ist das Bild von einer aufwärts gerichteten
Spirale. Mit jedem Umlauf kehre ich zum „Ausgangspunkt“ zurück, doch auf einer
“höheren“ Ebene und erlebe die
einzelnen „Stufen“ auf andere Weise, sofern ich die vorhergehenden integriert
habe. Die Ebenen sind miteinander verflochten und stehen in gegenseitiger
Abhängigkeit.
So
wird Meditation ein Prozess lebenslangen Lernens. Meditation bleibt
jedoch nutzlos und ist vergeudete Zeit, wenn sie nicht in der Frage
gipfelt "Wer bin ich?" Eine Zu-mutung?
Ja.
In der ehrlich betriebenen
Meditation verändern wir Schritt für Schritt die
eigene Lebenshaltung: sie wird immer stärker durchdrungen
von
Neugier, Offenheit, Akzeptanz und letztlich von Liebe. Das wachsende
Mitgefühl schließt Mit-Freude ebenso ein wie Mit-Leiden und
Mit-Schmerzen. Zum Leben gehören die
Sonnen- wie die Schattenseiten. Es geht um Weisheit und die ist nicht
ohne Selbsterkenntnis, Selbstzweifel und Veränderung auch
der politischen Lebensbedingungen zu bekommen.
"Sei
bewusst und tue was Du willst!" könnte der passende Wahlsprüche
des Meditierenden sein. Mögen alle Menschen Lieben lernen !
Hintergrund meiner Meditationseminare
ist u.a. das Verständnis von Freiheit
bei Jiddu Krishnamurti ( "Freiheit ist ein pfadloses Land!" - sie
verträgt keine Dogmen und ausgetretene Pfade) und die Entfaltung
des menschlichen Potentials nach der Humanistischen Psychologie.
Den Menschen verstehe ich als
jemand, der ein großes, ihm innewohendes Potenzial hat und er kann es verwirklichen,
wenn er es ernsthaft will. Dabei möchte ich ihn gerne unterstützen.
Meditationen aus verschiedenen Traditionen und Kulturen sind Bausteine
in den Seminaren, soweit sie dem Wachstum des Menschen dienen und
den Weg zu mehr Selbstverantwortung und Lebensfreude bahnen.
Je nach Verlauf der Seminare (und der mitgebrachten
Themen und Probleme der Teilnehmer) spielen ZaZen, Tanz- und Bewegungsmeditationen
und Elemente verschiedener Körpertherapien eine hilfreiche Rolle.
Jedes Seminar ist in sich abgeschlossen, es bedarf keiner Vorkenntnisse;
doch setzt der Gewinn - Gleichmut, Freude, Gelassenheit, Freiheit -
erst im alltäglichen Üben ein: im Supermarkt, im Lehrerzimmer,
auf der Autobahn.
Das Ergebnis
der Meditation hängt allein von der Geduld und der
fröhlichen, doch diszplinierten und unverkrampften Ausdauer ab und
bewährt sich, sobald Achtsamkeit im Alltag etwas
Selbstverständliches geworden ist. Es liegt in eines jeden Hand,
ob und wann er oder sie dem eigenen Leben ein neues Gefühl von
Freiheit und Unabhängigkit geben will oder nicht.